Wie sieht Wissenschaft aus und wer fehlt in diesen Bildern?


Fünf Fragen an Gesine Born vom Bilderinstitut
Gesine Born ist Fotografin und Wissenschaftskommunikatorin mit einem Hintergrund in Chemie und Kommunikationsdesign. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, wie sich komplexe wissenschaftliche Inhalte visuell zugänglich machen lassen und wie Bilder unsere Wahrnehmung von Forschung prägen.

Mit ihrem Projekt „Versäumte Bilder“ hat sie sich einen Namen gemacht: Mithilfe von KI macht sie Wissenschaftlerinnen sichtbar, deren Leistungen lange übersehen wurden und zeigt, welche Lücken in der visuellen Darstellung von Wissenschaft bestehen. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von MINT, Gestaltung und gesellschaftlicher Reflexion.

Mit dem von ihr gegründeten Bilderinstitut entwickelt sie gemeinsam mit wissenschaftlichen Institutionen neue visuelle Ansätze, die bewusst mit Sehgewohnheiten brechen und Fragen nach Sichtbarkeit, Verantwortung und Transparenz in der Wissenschaftskommunikation aufwerfen.

Im Interview erklärt sie, warum Bilder mehr sind als Illustration, wie visuelle Formate entstehen und woran wir erkennen, ob Wissenschaftskommunikation glaubwürdig und zeitgemäß ist.

1. Warum braucht Wissenschaft heute neue Bilder?

„Bilder wirken unmittelbar – sie sprechen uns emotional an, noch bevor wir einen einzigen Text gelesen haben. Gerade in der Wissenschaft, wo Inhalte oft komplex und abstrakt sind, können starke Bilder einen neuen Zugang schaffen: Sie wecken Neugier, machen das Unsichtbare sichtbar und laden ein, sich überhaupt erst auf ein Thema einzulassen. So werden wissenschaftliche Inhalte greifbar – und damit auch die Bedeutung von Wissenschaft für unsere Gesellschaft sichtbar.“  

2. Wie funktioniert Ihr Ansatz konkret?

Das hängt stark vom jeweiligen Projekt ab. Für mich beginnt es immer mit der gleichen Frage: Was ist der eigentliche Kern der Forschung, der vermittelt werden soll? Erst daraus ergibt sich der visuelle Ansatz.

Manchmal bedeutet das, die Menschen hinter der Forschung sichtbar zu machen – ihre Gesichter, ihre Perspektiven. Ein anderes Mal geht es um Partizipation: gemeinsam mit dem gesamten Team ein Bild zu entwickeln, das aus den Vorstellungen und Utopien aller entsteht.

Dabei ist der Weg zum Bild oft genauso bedeutsam wie das Bild selbst – ähnlich wie im Forschungsprozess selbst, wo nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch der Erkenntnisweg. Auch das lässt sich kommunizieren: sowohl die Wissenschaft als auch das visuelle Erzeugnis werden so zu einem gemeinsamen Erlebnis.

3. Warum ist ein reflektierter Umgang mit Bildern in der Wissenschaftskommunikation so wichtig?

Wissenschaft lebt von Vertrauen – und dieses Vertrauen muss auch im Visuellen verdient werden. Wir haben gerade jetzt die Chance, uns in der Wissenschaftskommunikation klar zu positionieren und konsequent transparent zu arbeiten. Bilder prägen Wahrnehmung, oft stärker als Worte. Deshalb ist es entscheidend, offen zu kommunizieren, wie sie entstanden sind.

Darüber hinaus tragen Kommunikatorinnen auch eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die professionell mit Bildern arbeiten: Fotografinnen, Illustratorinnen und Grafikerinnen. Die Zusammenarbeit mit kreativen Fachleuten ist kein Luxus – sie ist ein wichtiger Weg zur eigenen Reflexion darüber, wie und was man visuell kommunizieren möchte. Wer ausschließlich auf günstige Stockbilder setzt, verliert nicht nur an Qualität, sondern auch an der Tiefe, die gute visuelle Kommunikation erst möglich macht.

Für mich bedeutet reflektierter Umgang auch konkret: eine einheitliche Kennzeichnung von KI-generierten Bildern und Videos mit einem klar sichtbaren Label [AI]. Nur so können Rezipient*innen einordnen, was sie sehen – und nur so bleibt Wissenschaftskommunikation glaubwürdig. Für diesen Standard setze ich mich als Teil des Leitungsteams der Task Force KI der #FactoryWisskomm des BMFTR aktiv ein.

4. Welche Wirkung können gute visuelle Formate in der Wissenschaft entfalten?

Gute Visualisierungen inspirieren – sie öffnen einen Möglichkeitsraum im Kopf, der durch Text allein selten entsteht. Das geschieht vor allem dann, wenn Menschen überrascht werden, wenn sie etwas wirklich Neues sehen. Dieser Moment des Unerwarteten ist kraftvoll: Er regt zur Reflexion an und setzt neue Impulse frei.

Das bedeutet aber auch Mut, mit Sehgewohnheiten zu brechen und ungewohnte Perspektiven einzunehmen. Dabei wird oft unterschätzt, was ein partizipativer Bildprozess bewirken kann, bei dem Mitarbeiter*innen aktiv eingebunden werden. Die Wertschätzung, die ihnen etwa bei einem Fotoshooting entgegengebracht wird, das gemeinsame Erleben und Gestalten – all das hinterlässt Spuren. Und genau diese Energie überträgt sich auf das entstehende Bild und kann von dort aus emotional weitergetragen werden.

5. Was sollten unsere Leser:innen über das Bilderinstitut unbedingt wissen?

Das Bilderinstitut steht für einen reflektierten, ethisch fundierten Umgang mit Bildern in der Wissenschaftskommunikation. Es verbindet fotografische Praxis, KI-gestützte Bildgenerierung und wissenschaftliche Reflexion – und fragt dabei immer: Wen zeigen wir? Wer fehlt? Und warum?

Ein zentrales Anliegen ist die Sichtbarkeit: von Frauen in der Wissenschaft, von unterrepräsentierten Perspektiven, von den Menschen hinter der Forschung. Mit Projekten wie „Versäumte Bilder” macht das Bilderinstitut deutlich, dass visuelle Lücken keine Kleinigkeit sind – sie prägen, wer als Wissenschaftler*in wahrgenommen wird und wer nicht.

Transparenz und Partizipation sind dabei grundlegende Haltungen: Prozesse werden offengelegt, Menschen aktiv eingebunden. Denn wie ein Bild entsteht – wer daran beteiligt war, welche Entscheidungen getroffen wurden – ist Teil seiner Aussage.

Das Bilderinstitut bietet deshalb auch Workshops an, die zu einem reflektierten und kreativen Umgang mit Bildern einladen. Denn meiner Meinung nach wird viel zu wenig über Bilder gesprochen – obwohl sie unsere Wahrnehmung von Wissenschaft maßgeblich prägen.

Danke für das Interview.

Weiterführende Impulse zum Thema

Hier könnt Ihr das Thema weiter vertiefen und sehen, wie Sichtbarkeit und KI in konkreten Projekten und Anwendungen umgesetzt werden.

Frauen in der Wissenschaft sichtbar machen

Mit dem Projekt „Versäumte Bilder“ zeigt das Bilderinstitut, wie visuelle Lücken in der Wissenschaft entstehen und wie sie geschlossen werden können. Mithilfe von Fotografie und KI werden Wissenschaftlerinnen sichtbar gemacht, deren Leistungen lange übersehen wurden. Gleichzeitig lädt das Projekt dazu ein, die eigene Bildsprache kritisch zu hinterfragen und neu zu denken.

Klischeefrei mit KI arbeiten

Auch Texte prägen, wie wir MINT wahrnehmen. In diesem Lernvideo erfahrt Ihr, wie Biases in KI-generierten Inhalten entstehen und wie Ihr mit gezieltem Prompting Materialien erstellt, die verständlich, differenziert und frei von einseitigen Rollenbildern sind. Mit konkreten Beispielen für Schule und außerschulische MINT-Angebote.

Über das Format „Fünf Fragen an …“

Mit unserem Interviewformat „Fünf Fragen an …“ geben wir spannenden Stimmen aus der MINT-Bildungswelt Raum. In fünf kurzen Fragen teilen Expert:innen ihre Perspektiven, Erfahrungen und Impulse zu aktuellen Themen aus Praxis, Forschung oder wie hier: Wissenschaftskommunikation.

Ihr habt eine Idee, wen wir unbedingt interviewen sollten?
Dann schreibt uns an kommunikation@mintcampus.org 

Wir freuen uns über Vorschläge.