Forschung ist nicht für die Forschung da, sondern für die Menschen


Wie gelingt es, komplexe Forschung so zu vermitteln, dass sie nicht nur verstanden, sondern auch wirklich genutzt wird? Genau an dieser Schnittstelle bewegt sich Wissenschaftskommunikation, zwischen Fachwelt und Gesellschaft, zwischen Theorie und Praxis.

Gerade im MINT-Bereich entstehen kontinuierlich neue Erkenntnisse. Doch viele davon erreichen die Menschen, für die sie relevant wären, gar nicht: weil sie zu abstrakt erscheinen, schwer zugänglich sind oder nicht für eine breite Öffentlichkeit aufbereitet werden. Storytelling kann dabei helfen, Forschung verständlich, greifbar und alltagsnah zu vermitteln.

Im Interview gibt Kathrin Smolarczyk Einblicke, warum Wissenschaftskommunikation weit mehr ist als ein „Nice-to-have“, wie sich komplexe Inhalte verständlich aufbereiten lassen und weshalb gute Geschichten dabei eine zentrale Rolle spielen.

Kathrin Smolarczyk ist Bildungsforscherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Rhein-Waal. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit MINT-Bildung, Motivation und der Frage, wie Menschen für Bildungsangebote begeistert und langfristig eingebunden werden können. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darauf, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie nicht nur in Fachpublikationen erscheinen, sondern auch in der Praxis Wirkung entfalten.

Eine Frau mit hellbraunem, zurückgegeltem Haar, weißem Oberteil, goldener Halskette, Ohrringen und Armbändern lehnt lächelnd mit verschränkten Armen an einer weißen Wand und spiegelt den selbstbewussten Geist des Niedersachsen-Technikums wider.
Kathrin Smolarczyk

5 Fragen an Kathrin Smolarczyk

1. Warum beschäftigst Du Dich mit Wissenschaftskommunikation und Storytelling?

Ich finde ehrlich gesagt: Das gehört zu unserem Job als Wissenschaftler*innen dazu. Unsere Forschung ist größtenteils öffentlich finanziert, da sollten die Ergebnisse auch wieder bei den Menschen ankommen.

Gleichzeitig zwingt mich Wissenschaftskommunikation dazu, meine eigene Forschung immer wieder auf Praxisrelevanz zu prüfen: Wofür ist das eigentlich gut? Für wen? Und was verändert sich dadurch?

Und dann kommt noch etwas dazu: Es macht mir einfach riesigen Spaß komplexe Inhalte so runterzubrechen, dass sie verständlich und greifbar werden und dann zu merken, dass sie wirklich in der Praxis ankommen. Genau da wird Forschung für mich lebendig.

Viele wissenschaftliche Erkenntnisse erreichen die Praxis aktuell gar nicht – und das wundert mich nicht. Internationale Paper sind nicht immer offen zugänglich, oft schwer verständlich und schlicht nicht für eine breite Zielgruppe geschrieben. Genau da setzt Wissenschaftskommunikation an..“

2. Wie arbeitest Du konkret an guter Wissenschaftskommunikation?

Ich versuche verschiedene Wege zu nutzen, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen. LinkedIn ist für mich zum Beispiel ein wichtiger Kanal: Dort kann ich Forschungsergebnisse kompakt aufbereiten, mit Bildern oder Grafiken arbeiten und gleichzeitig nahbar bleiben.

Außerdem spreche ich viel auf Veranstaltungen. Da hilft es mir, wissenschaftliche Konzepte mit alltagsnahen Beispielen zu verbinden. Zum Beispiel erkläre ich den „Stereotype Threat“ gern anhand von Figuren aus The Big Bang Theory. Das macht abstrakte Theorien plötzlich sehr greifbar.

Und ich finde es auch immer spannend, wenn meine Inhalte extern journalistisch aufgearbeitet werden. Dann bekommt man selbst nochmal einen anderen Blick auf die eigene Forschung..“

3. Was unterscheidet Deinen Ansatz von klassischer Wissenschaftskommunikation?

Ich glaube, ein wichtiger Unterschied ist, dass meine Forschung immer auch mit einer klaren Haltung verbunden ist.

Ich setze mich für vielfältige, niedrigschwellige MINT-Angebote ein, insbesondere für Kinder und Jugendliche, die sonst oft übersehen werden. Und ich glaube, dass man das auch merkt.

Menschen lesen Inhalte anders, wenn sie spüren, wofür jemand steht.

Dazu kommt, dass ich viel Wert auf eine zugängliche, visuelle und manchmal auch leicht humorvolle Aufbereitung lege. Wissenschaft darf verständlich sein und sie darf sich auch gut anfühlen beim Lesen. Es geht nicht darum, Dinge zu vereinfachen, sondern sie zugänglich zu machen.“  

4. Welche Wirkung kann gutes Storytelling in der Wissenschaft entfalten?

Mein Take: Es macht Forschung überhaupt erst zugänglich.

Wir sprechen im MINT-Bereich ständig darüber, wie wir Menschen erreichen – und genau das gilt auch für Wissenschaftskommunikation. Gute Geschichten helfen uns, Aufmerksamkeit zu bekommen und zu halten.

Ein klarer roter Faden, ein überraschender Moment oder eine emotionale Verbindung sorgen dafür, dass Inhalte nicht nur verstanden, sondern auch erinnert werden. Gerade heute, wo wir täglich mit Informationen überflutet werden, ist das entscheidend. Forschung ist ja nicht für die Forschung da, sondern für die Menschen. Und dafür müssen wir Wege finden, sie auch wirklich zu erreichen.“

5. Was sollten unsere Leser:innen unbedingt wissen?

Dass wir im Bereich der außerschulischen MINT-Bildung noch viel mehr Forschung brauchen – und gleichzeitig schon richtig viel Gutes passiert.

Besonders spannend finde ich, dass Forschung zunehmend partizipativer wird: Zielgruppen und Praxispartner*innen werden stärker einbezogen, und genau das macht die Ergebnisse relevanter und anschlussfähiger.

Wenn wir es dann noch schaffen, diese Erkenntnisse wirklich dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden: in die Praxis, in Angebote, in Entscheidungen – dann können wir unsere Bildungslandschaft gemeinsam nachhaltig weiterentwickeln.“

💜-lichen Dank für das Interview.

Weiterführende Impulse zum Thema

Gute Wissenschaftskommunikation endet nicht mit der Veröffentlichung einer Studie. Sie beginnt dort, wo Forschung verständlich wird und Menschen erreicht.

Wissenschaft erzählen

Auf ihrer Website zeigt Kathrin Smolarczyk, wie Forschung, Storytelling und Bildungsarbeit zusammenwirken können. Neben Einblicken in ihre wissenschaftliche Arbeit finden sich dort Beispiele aus der MINT-Bildung, Vorträge, Projekte und Impulse rund um die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich kommuniziert und in die Praxis transferiert werden können.

Über das Format „Fünf Fragen an …“

Mit unserem Interviewformat „Fünf Fragen an …“ geben wir spannenden Stimmen aus der MINT-Bildungswelt Raum. In fünf kurzen Fragen teilen Expert:innen ihre Perspektiven, Erfahrungen und Impulse zu aktuellen Themen aus Praxis, Forschung oder wie hier: Wissenschaftskommunikation.

Ihr habt eine Idee, wen wir unbedingt interviewen sollten?
Dann schreibt uns an kommunikation@mintcampus.org 

Wir freuen uns über Vorschläge.