Wie fühlt sich ein technischer Beruf wirklich an und passt er zu mir?
Genau diese Frage steht im Zentrum des Niedersachsen-Technikums.
Das Programm bietet jungen Frauen die Möglichkeit, MINT-Berufe nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern sie über mehrere Monate hinweg aktiv zu erleben. Im diesem Interview gibt Judith Bräuer vom Niedersachsen-Technikum spannende Einblicke in Konzept, Ablauf und Wirkung des Programms und zeigt, wie aus ersten Erfahrungen echte Perspektiven entstehen können.


5 Fragen an Judith Bräuer vom Niedersachsen-Technikum
1. Warum gibt es das Niedersachsen-Technikum?
Das Niedersachsen-Technikum wurde 2010 von Prof.in Barbara Schwarze an der Hochschule Osnabrück ins Leben gerufen. Ziel ist es, den Frauenanteil in MINT-Studiengängen und technischen Ausbildungsberufen nachhaltig zu erhöhen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Das Programm unterstützt junge Frauen mit (Fach-)Abitur bei der Studien- und Berufsorientierung, indem es ein sechsmonatiges, vergütetes Praktikum in einem MINT-Unternehmen mit einem begleiteten Schnupperstudium an einer niedersächsischen Hochschule verbindet. So lernen die Teilnehmerinnen – die sogenannten Technikantinnen – betriebliche Abläufe, Berufsprofile und Studieninhalte praxisnah kennen. Gleichzeitig stärken sie ihr Selbstvertrauen im technischen Kontext und hinterfragen Stereotype über „typische Männer- und Frauenberufe“.
Das Niedersachsen-Technikum ist damit ein Instrument der Studien- und Berufsorientierung mit gender- und bildungspolitischem Anspruch: Es schafft strukturierte Erfahrungsräume, in denen junge Frauen fundierte Entscheidungen für ein MINT-Studium oder eine technische Ausbildung treffen können.
2. Wie funktioniert das Konzept konkret?
Das Niedersachsen-Technikum ist ein sechsmonatiges Propädeutikum, das jährlich am 1. September startet. Die Technikantinnen arbeiten vier Tage pro Woche in einem vergüteten Praktikum in einem MINT-Unternehmen, wo sie Abteilungen kennenlernen, eigene Projekte umsetzen und den Berufsalltag erleben. An einem festen Tag pro Woche besuchen sie eine Hochschule, nehmen an Vorlesungen teil, besichtigen Labore und Exkursionen und erhalten Einblicke in Studieninhalte.

Ablauf:
- Bewerbungs- und Beratungsgespräch rund um das Programm und zur Auswahl von Unternehmen
- Auftaktveranstaltung in Niedersachsen
- Sechsmonatiges Praktikum mit begleitendem Schnupperstudium
- Abschlussveranstaltung mit Präsentation der Projekte und Zertifikatsübergabe
3. Was unterscheidet das Niedersachsen-Technikum von anderen Angeboten zur Studien- und Berufsorientierung?
Das Niedersachsen-Technikum hebt sich durch seine Intensität und Zielgruppenorientierung ab:
- Sechs Monate Praxis und Studium: Statt kurzer Info-Tage oder Praktika kombiniert das Programm ein festes, vergütetes Praktikum mit einem Schnupperstudium – ohne Immatrikulation.
- Gezielte Förderung von Frauen: Das Programm richtet sich explizit an junge Frauen mit (Fach-)Abitur und adressiert geschlechtsspezifische Hürden im MINT-Bereich.
- Ergebnisoffenheit: Ziel ist nicht, alle Teilnehmerinnen in ein MINT-Studium zu „drängen“, sondern ihnen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten – auch für Alternativen.
- Vergütung, Begleitung und Zertifikat: Die Technikantinnen erhalten eine Vergütung, strukturierte Betreuung und einen zertifizierten Abschluss.
4. Welche Wirkung entfaltet das Programm bei den Teilnehmerinnen?
Viele Technikantinnen erleben, dass sie technische Aufgaben aktiv gestalten können – und hinterfragen so eigene Zweifel oder Klischees. Die Kombination aus Praxiserfahrung und Hochschultagen schafft ein realistisches Bild von MINT-Studium und -Beruf. 9 von 10 Teilnehmerinnen entscheiden sich im Anschluss für ein MINT-Studium oder eine technische Ausbildung. Zudem brechen nur sehr wenige Alumnae ihr Studium oder ihre Ausbildung ab, was die Nachhaltigkeit der Entscheidung zeigt.
Hier mal ein paar O-Töne von Teilnehmerinnen der Kohorte 2025/26:
„Das Niedersachsen-Technikum hat mir eindrucksvolle Einblicke sowohl in das Berufsleben als auch in eine Vielzahl von Studiengängen eröffnet.“
„Das Niedersachsen-Technikum hat mir geholfen, meine Stärken zu erkennen und mich zwischen verschiedenen Studienrichtungen besser zu orientieren.“
„Ich gehe mit neuen Bekannt- und Freundschaften und vielen neuen Kompetenzen aus dem Technikum heraus. Es ist viel mehr als nur ein guter Pluspunkt für den Lebenslauf.“
„Ich war mir noch nie so sicher, was ich machen möchte.“
„Besonders schön war, dass ich direkt ins Tagesgeschehen eingebunden wurde und ich mich immer als Kollegin, nicht als Praktikantin gefühlt habe.“
5. Was sollten unsere Leser:innen unbedingt wissen?
Das Niedersachsen-Technikum wird an folgenden Hochschulen angeboten: TU Braunschweig, TU Clausthal, Hochschule Hannover, Leibniz Universität Hannover, Hochschule Emden/Leer, Jade Hochschule, Hochschule Osnabrück, Universität Osnabrück
Die Zentrale Koordinierungsstelle ist an der Hochschule Osnabrück angesiedelt (Leitung: Prof.in Dr. Susanne Düchting). Gefördert wird das Programm durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung und die Stiftung NiedersachsenMetall.
Mitmachen können:
- (Fach-)Abiturientinnen, die sich orientieren und ausprobieren möchten
- Unternehmen, die Praktikumsplätze anbieten und Fachkräfte gewinnen wollen
- Schulen, die ihre Schülerinnen beim Übergang Schule-Studium unterstützen möchten
- Multiplikator:innen, die eine blühende Zukunft für Frauen in MINT mitgestalten wollen
Danke für das Interview.

